Die Presse, 20. Mai 2026 / Fotos: Clemens Fabry - Text: Martin Stuhlpfarrer
Der Genetiker Markus Hengstschläger über Gentests aus dem Internet, die Antworten auf brennende Fragen versprechen: Werde ich eine schwere Krankheit bekommen? Und welche Medikamente sind für mich schädlich? Sie sind das Versprechen, die unangenehmen Fragen zu beantworten, die sich ein Mensch im Leben oft stellt: Werde ich jemals an Krebs erkranken? Oder an Alzheimer? Habe ich eine genetische Veranlagung, die meine Lebenszeit deutlich verkürzt? Und welche Medikamente wirken bei mir gut, welche schaden mir sogar? Die Rede ist vom boomenden Sektor kommerzieller Gentests, die im Internet angeboten werden. Sie kosten bis zu 1500 Euro und sollen die genetische Veranlagung für Krankheiten aufzeigen. Aber wie seriös sind diese Tests? Und wie brauchbar? Ein Gespräch mit dem renommierten Genetiker Markus Hengstschläger, Leiter des Zentrums für Pathobiochemie und Genetik, über den Trend, die Zukunft aus der eigenen Genetik zu lesen.
Krebs, Alzheimer: Wie seriös sind die Gentests aus dem Internet?
Sie sind das Versprechen, die unangenehmen Fragen zu beantworten, die sich ein Mensch im Leben oft stellt: Werde ich jemals an Krebs erkranken? Oder an Alzheimer? Habe ich eine genetische Veranlagung, die meine Lebenszeit deutlich verkürzt? Und welche Medikamente wirken bei mir gut, welche schaden mir sogar? Die Rede ist vom boomenden Sektor kommerzieller Gentests, die im Internet angeboten werden. Sie kosten bis zu 1500 Euro und sollen die genetische Veranlagung für Krankheiten aufzeigen. Aber wie seriös sind diese Tests? Und wie brauchbar? Ein Gespräch mit dem renommierten Genetiker Markus Hengstschläger, Leiter des Zentrums für Pathobiochemie und Genetik, über den Trend, die Zukunft aus der eigenen Genetik zu lesen.
Die Presse: Lohnt sich für einen normalen Bürger der Blick in die eigene Genetik?
Markus Hengstschläger: Nach dem österreichischen Gentechnikgesetz funktioniert das so: Am Anfang sollte die genetische Beratung stehen. Wenn sich dabei ein Verdacht ergibt und eine Indikation für eine genetische Untersuchung gestellt wird, kann man eine Patientin oder Patienten zu uns überweisen oder eine Untersuchungsprobe zu uns schicken. Wir untersuchen das und erstellen einen detaillierten genetischen Befund. Der zuweisende Arzt erklärt das Ergebnis der Patientin oder dem Patienten. Wir machen tausende solche Untersuchungen im Jahr und haben im Haus auch eine eigene Ambulanz für genetische Beratungen.
Markus Hengstschläger, Leiter des Zentrums für Pathobiochemie und Genetik.
Was ist eine genetische Beratung?
Die Inhalte können unterschiedlich sein. Oft geht es z. B. um die Frage, ob eine genetische Erkrankung vorliegt oder das Risiko dafür erhöht ist. Dafür werden oft Stammbäume erstellt und Fragen erörtert, die die Familie betreffen. Wenn sich daraus Indikationen ergeben, kann der Weg zu uns an das Institut für Medizinische Genetik der Medizinischen Universität Wien führen, wo die entsprechenden genetischen Untersuchungen durchgeführt werden, um diese Fragen zu beantworten.
Kann jeder kommen, der sich Sorgen macht, er könnte einmal eine schwere Krankheit wie Krebs bekommen?
Es bedarf einer medizinischen Indikation, einer Einverständniserklärung der betreffenden Person und einer Überweisung. Ich bin auch im Vorsitz der österreichischen Bioethik-Kommission. In diesem Zusammenhang ist es mir sehr wichtig zu betonen, dass es in Österreich ein Recht auf Nichtwissen gibt – die Entscheidung liegt alleine bei den Patientinnen und Patienten.
Immer mehr Firmen bieten Gentests im Internet an und versprechen, dass diese feststellen können, ob man einmal Brustoder Lungenkrebs bekommt oder an Alzheimer erkranken wird. Sind diese Tests sinnvoll?
Der Mensch hat etwa 22.000 Gene. Bei monogenen Erkrankungen sind Veränderungen in einem Gen für die Entstehung einer Erkrankung verantwortlich. Davon gibt es mehrere Tausend. Das sind aber in der Regel seltene Erkrankungen. Hier können genetische Untersuchungen sehr eindeutige Aussagen machen. Für die Entstehung multifaktorieller Erkrankungen spielen oft mehrere bis viele Gene eine Rolle und zusätzlich kommt es hier auch noch auf die Wechselwirkung mit entsprechenden Umweltfaktoren an. Genetische Untersuchungen können im Zusammenhang mit multifaktoriellen Veranlagungen keine Ja-oder-nein-Aussagen treffen. In der Regel kann man dann nur sagen, ob ein erhöhtes bzw. vielleicht niedrigeres Risiko als in der Normalbevölkerung dafür besteht.
Wenn der Lebensstil einen so großen Einfluss hat: Führt das nicht diese Gentests aus dem Internet, die große Versprechen machen, ad absurdum?
Sagen wir, er wird oft stark relativiert. Dazu kommt: Wenn ich einen dieser Tests nutze und dann bekomme ich das Ergebnis, ich habe eine erhöhte Wahrscheinlichkeit z.B. für die Entwicklung einer bestimmten Form von Krebs – dann kann das natürlich Ängste auslösen. Viele Krebserkrankungen entstehen aber durch multifaktorielle Prozesse, bei denen Umweltfaktoren eine große Rolle spielen. Und es handelt sich daher bei solchen Ergebnissen oft um nicht mehr als Wahrscheinlichkeitsangaben.
Würden Sie als Genetiker diesen Gentest auch selbst machen?
Ja, wenn es einen konkreten Verdacht gibt, würde ich es unbedingt abklären lassen. Für viele Fälle gibt es schließlich sehr gute therapeutische, oft – was natürlich noch besser ist – prophylaktische Konzepte. Bei so manchen Angeboten an Gentests sehe ich den Sinn allerdings nicht. Und es ist mir ganz wichtig zu betonen, dass es unbedingt von einer fachkundigen Beratung begleitet sein soll.
Welche Rolle spielen die Gene bei Krankheiten, die als Volkskrankheiten gelten?
Zu den multifaktoriellen Erkrankungen gehören die häufigsten des Menschen: z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, viele Krebserkrankungen, Diabetes, neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer. Hier geht es nicht nur um die genetischen Veranlagungen, sondern Umwelt und Lebensstil sind ebenso entscheidend.
Die kommerziellen Gentests auf Krankheiten, die gerade boomen: Sind die seriös? Oder ist das nur eine Methode, besorgten Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen?
Wie diese Tests durchgeführt werden, das heißt, die Arbeit in den Labors, das ist grundsätzlich in Ordnung – soweit wir das von jenen Anbietern beurteilen können, die wir kennen. Die wirklichen Herausforderungen stellen sich dann bei der Interpretation und dem Umgang mit den Ergebnissen, weil diese Angebote oft „Direct to the Consumer“-Tests sind.
Was bedeutet das?
Sie sitzen zu Hause, gehen ins Internet, googeln den Gentest. Dann kommen Sie zu einem Anbieter – da müssen Sie nichts anderes tun als einen gewissen Betrag zahlen. Dann bekommen Sie ein Set zugeschickt und können eine Speichelprobe, Zellen aus der Mundschleimhaut, einschicken. Die Ergebnisse sind dann im Internet abrufbar. Oft erhält man dann die Auskunft: Sie haben ein gering prozentig erhöhtes oder niedrigeres Risiko für jene Krankheit gegenüber dem Durchschnitt.
Was kann man mit einem derartigen Ergebnis anfangen?
Ohne detaillierte genetische Beratung durch Expertinnen macht das sehr oft nicht viel Sinn. Die Konsumenten fragen sich dann oft: Was ist jetzt die Konsequenz daraus? Was kann ich oder soll ich jetzt machen? In solchen Fällen bin ich durchaus kritisch, da sage ich: Vorsicht! Denn es müsste jemand den Patienten alles detailliert erklären. Das direkt dem Konsumenten zu schicken und zu sagen: Du hast eine höhere Anfälligkeit für dies oder jenes – das kann oft mehr Probleme machen, als es löst.
Sie spielen auf die Verunsicherung von Menschen an, die das Ergebnis falsch interpretieren?
Stellen Sie sich vor: Sie bekommen etwas zurück, da steht, dass bei Ihnen die Wahrscheinlichkeit zu einem bestimmten Prozentsatz höher ist, irgendwann einmal eine neurodegenerative Erkrankung zu bekommen. Und Sie denken sich, um Gottes willen, ich bekomme eine neurodegenerative Erkrankung, was das aber überhaupt nicht bedeutet – weil es schließlich nur Wahrscheinlichkeiten sind. Was bedeutet es überhaupt konkret, wenn man eine geringfügig erhöhte Wahrscheinlichkeit im Vergleich zur Normalbevölkerung hat? Und vor allem: Was machen Sie jetzt? All das braucht unbedingt fachkundige Begleitung.
Die Gentests im Internet versprechen auch, die individuelle Wirkung von Medikamenten zu analysieren. Beispielsweise welche Medikamente bei mir gut wirken und welche schlecht. Ist das sinnvoll?
In so manchen Bereichen dieser sogenannten Pharmakogenetik ist die Forschung schon entsprechend weit. Es wirkt nicht jedes Medikament bei jedem gleich. Gene können eine entscheidende Rolle dabei spielen, welches Medikament bei einer Patientin besser wirkt und geringere Nebenwirkungen hat. Genetische Tests können dabei von Hilfe sein. Aber auch hier ist eine entsprechende Beratung unverzichtbar.
Die Gentests aus dem Internet versprechen auch aufzuzeigen, welche Nahrungsmittel und Nährstoffe ich gut oder schlecht aufnehme.Damit könnte ich meine Ernährung präzise auf meinen eigenen Körper abstimmen, um langfristig gesund zu bleiben.
Die Nutrigenetik beschäftigt sich mit dem Einfluss der Gene bei der Aufnahme oder Verstoffwechselung von Nahrungsmitteln. Grundsätzlich reagieren Menschen verschieden auf Nahrungsmittel. Gentests, die personalisierte Ernährungskonzepte ermöglichen, können durchaus von Bedeutung sein. Die entsprechenden Möglichkeiten sind bisher aber noch eher gering und es muss noch viel geforscht werden.
Kommen wir abschließend zum Lifestyle-Bereich. Gentests aus dem Internet versprechen auch, dass ich mit dem Ergebnis mein Training ideal auf meine genetische Veranlagung abstimmen kann – womit ich viel effektiver und erfolgreicher trainieren kann. Ist das sinnvoll?
Gene können auch in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen. Aber gerade hier ist die Aussagekraft aktuell noch eher gering. Vielleicht ändert sich das ja einmal mit dem Fortschritt der Forschung.